Das Herzstück – die Kamera

Ich fotografiere mit zwei Canon EOS 5D MK II Kameras mit zusätzlichem Handgriff. Ich finde die Kameras sind „relativ preiswert“ und liefern meiner Meinung nach bei hohen ISO-Werten sogar bessere Bilder als die 3x so teure 1Ds MKIII. Apropos ISO-Werte: Meine Kamera steht fast immer auf ISO 800. Ja, echt! Mich hat das Rauschen noch nie gestört – im Gegenteil. Und A3-Doppelseiten sind locker drin. Ok, ich mach‘ kein Still Life und wirklich selten Plakate, aber – lieber Fotofreund: Probier’s mal aus und bewerte Deine Bilder nicht bei maximaler Vergrößerung am Bildschirm, sondern auf einem A4-Print aus dem Labor.

Ja, die Kameraeinstellungen, dass ist ein wichtiges Thema, bei dem ich gleich zu Anfang mal ein wenig ausschweifen möchte: Ich komme ja aus den Zeiten in denen es noch keine Digitalkameras gab, sprich wir haben auf Film fotografiert. Und da gab es eine ganz klare Regel: Wenn Du Portraits fotografierst nimm den „EPP“ belichte ihn knapp und push ihn eine Blende. Wer kennt den noch? Kodak Ektachrome Professional Plus. Ja? Bist wohl auch schon nicht mehr der jüngste, was? Also, der Film spielte eine wichtige Rolle bei der guten Wiedergabe von Hauttönen. Er war ein Gestaltungsmittel! Und so ähnlich ist das auch in digitalen Zeiten geblieben. Aber alle Chips sind doch gleich schlimm bunt! Ja, genau. Die Industrie hat sich aber an das erinnert, was ein Foto vom anderen unterscheidet und es sozusagen übertragen: Bei Canon heißt das „Picturestyles“ Die kommen einem aufstrebenden Fotografen erst einmal sehr amateurhaft vor, sind es aber gar nicht. Na ja, der Standard-Style der 5D MK II ist schon arg amateurhaft: Für mich zu bunt, zu scharf, zu kontrastreich. Wirklich nicht so toll, aber es ist halt eine Prosumer-Kamera. Nichtsdestotrotz, kann die 5D genauso schön farblich weiche und kontrastarme Bilder machen wie die Profischwestern und zwar im Picturestyle „neutral“! Wieso das gut ist? Na, probier mal einem überschärften, kontrastreichen und knallbunten Bild einen zarten und weichen Hautton zu  verpassen. Vergiss es. Aber umgekehrt – kein Problem. In Photoshop einem Bild mehr Schärfe, Kontrast und Sättigung zu geben ist ein Kinderspiel. Dazu später mehr. Zurück zu den Styles. Ich verwende fast ausschliesslich „neutral“, da meine Fotos alle ausschliesslich im RAW-Format fotografiert, im Canon eigenen DPP (Digital Photo Professional) -Programm entwickelt und schliesslich in Photoshop bearbeitet werden. Viele Fotografen schwören ja auf Capture One. Ich komme mit DPP gut zurecht. Und, lieber Fotofreund, es kostet nichts! Wenn Du nicht so auf Bildbearbeitung stehst, probier mal diese „Styles“ aus. Man kann sie selber in der Kamera verändern oder welche aus dem Internet herunterladen. Du hast auf einmal wieder die ganze Welt der Filme von zart bis hart in der Tasche.

So, weiter mit dem Basis-Equipment: Meine Kamera ist klar, was sollst Du für eine nehmen? Auf jeden Fall eine mit der Möglichkeit Zeit und Blende manuell einzustellen. Das ist erst mal der für mich entscheidende Punkt. Ob da Canon, Nikon oder Sony draufsteht, spielt nicht so eine grosse Rolle. Ein Markenprodukt sollte es aber schon sein. Denn nichts ist billiger als Qualität. (Hat meine Oma schon gesagt. Danke Oma!). Warum „M“ wie Manuell so wichtig ist? Weil Du lernen musst, wie die Kamera funktioniert. Weil Du lernen musst, was passiert, wenn Du die Belichtungszeit veränderst oder an der Blende drehst, denn das sind Deine Möglichkeiten, das Bild in seinem Ergebnis zu verändern. Wenn Du also die Kontrolle nicht selbst in die Hand nimmst, wir es nichts werden mit DEINEN Fotos da bin ich mir sicher. Es bleiben Zufallstreffer.

Dann wäre da die Grösse des Chips. Für mich was das lange Zeit der Grund nicht auf die digitale Technik umzusteigen. In Film-Zeiten (das war bei mir bis 2005) gab es noch sowas wie Tiefen(un)schärfe. Sprich der Hintergrund war – wenn man wollte – unscharf und das war ein sehr wichtiges Mittel der Gestaltung eines Bildes. Besonders, wenn man wie ich Portraits fotografiert. Es ist einfach nicht so schön wenn einem Kopf die Bäume im Hintergrund aus den Ohren wachsen.

So und nun kam die schöne bunte Digi-Welt mit Aufnahmechips in Fingernagelgrösse. Da ist von Tiefenschärfe nicht mehr die Rede, denn Physikalisch hängt die Tiefenschärfe von der Größe des Aufnahmeformates sprich der Chipgrösse ab. In analogen Zeiten haben wir unter Fotografen vom Schärfeabriss gesprochen. Schau Dir mal eine Aufnahme mit einer Grossformatkamera an. Sagen wir 4×5″, 150mm offene Blende 4 oder so. Ein Halbportrait so bis zum Nabel. Das ist wirklich was anderes, hintenrum. Und Du bekommst das mit keiner anderen Kamera oder Software so hin.

Also rate ich Dir: Kauf was mit ’nem grossen Chip! Gebrauchte 5D’s (1. Generation) sind deutlich unter 1000 Euro zu bekommen. Zu teuer? Tja. Dann einfach mit rauchen aufhören oder weniger Geld in Urlaub investieren. Den kannst Du dann machen, wenn Du gross raus gekommen bist. Mit Deiner geilen Kamera.

So. Die Kamera ist geklärt. Jetzt bauchen wir nur noch ein Objektiv und dann kann’s losgehen. Zum Thema Objektive werde ich an anderer Stelle noch was schreiben, Dir hier aber erst mal einen Minimal-Tipp geben. Vergiss das Superzoom. Bitte! Kauf Dir eine Festbrennweite, das lehrt Dich das sehen. Für einen Vollformat-Chip wäre das zum Beispiel ein 50mm Objektiv, sprich eine Normalbrennweite. (Was’n das?) Das kostet 100 Euro und damit kann man noch fotografieren, wenn die Anderen nach Hause gehen, weil’s zu dunkel ist.

So und jetzt raus mit Dir. Der/Die Freund(in) hat sich hübsch gemacht, die Blumen blühen und der Tiger im Zoo hat sich für Dich seinen schönsten Pelz angezogen. Also bitte: Knipsen, knipsen, knipsen. Und immer schön die Bedienungsanleitung lesen, denn Kunst kommt von können wie man so schön sagt.